Herr Mücke, Sie arbeiten mit Menschen, die in die Fänge von Islamisten geraten sind. Was verbindet diese?

Die überwiegende Zahl der Betroffenen ist minderjährig. Manchmal sind sie nur 13 oder 14 Jahre alt. Das ist natürlich ein Alter, in dem sie leicht zu beeinflussen sind. Früher haben wir ausschließlich mit jungen Männern gearbeitet, das hat sich 2015 aber schlagartig geändert, weil die extremistische Szene von da an vermehrt Mädchen angesprochen hat. Der „Islamische Staat“ weiß, dass er für seinen Versuch eines Staatsaufbaus auch Frauen braucht. Die meisten Jugendlichen kommen aus einem muslimischen Elternhaus, etwa zwanzig Prozent sind Konvertiten, auch mit christlichem Hintergrund. Wir haben es hier mit einer Szene zu tun, die versteht, junge Menschen anzusprechen, und zwar unabhängig davon, welche Wurzeln diese haben.

Von welcher Größenordnung sprechen wir?

Wir haben zurzeit etwa 60 Mitarbeiter, die mit etwa 180 gefährdeten Jugendlichen arbeiten. Unsere Erfahrung zeigt: Die Mehrzahl ist erreichbar. Wenn man sich engagiert, kann man sie auch wieder in die Gesellschaft zurückführen. Wir begleiten sie dafür in der Regel ein bis zwei Jahre.

Wie sieht das Begleiten aus?

Wenn sich Angehörige über unsere Hotline melden, gehen wir zunächst zu den Eltern. Wir schauen, woran sie festgestellt haben, dass sich ihr Kind in einer radikalen Szene befindet, und wie weit der Prozess schon fortgeschritten ist. Wir versuchen in erster Linie, die Eltern zu stabilisieren, damit sie wieder mit ihren Kindern reden können und der Kontakt nicht abbricht. In nicht wenigen Fällen nehmen wir dann auch selbst Kontakt zu den jungen Menschen auf.

Haben Sie ein Beispiel?

Wir wurden einmal von Eltern informiert, dass ihr Sohn im IS-Kampfgebiet ist. Als er wieder nach Deutschland kam, ist er sofort in unsere Betreuung gekommen. Der Junge war verunsichert, ihm waren in Syrien schon Zweifel gekommen. Wir haben ihn erst mal gefragt, welche Fragen er eigentlich hat. Denn die extremistisch-salafistische Szene ist ja kein Diskussionsclub. Da heißt es einfach: Wir haben die Wahrheit, du darfst nicht fragen, du musst einfach nur folgen. Wir mussten den Jungen dahin führen, dass er sich wieder eigene Gedanken macht und sich andere Sichtweisen anhören kann. Dann musste er hier in der Gesellschaft wieder einen Platz finden, wieder in die Schule gehen können. Das ist schwierig bei diesen Rückkehrern, weil sich Schulen oft erst einmal wehren. Aber es geht darum, dass so ein Mensch hier wieder persönliche Ziele finden kann.

Kommen die Jugendlichen denn freiwillig in Ihr Programm, nachdem sich ihre Angehörigen an Sie gewandt haben?

Die Syrien-Rückkehrer vergleichsweise oft. Aber die Jugendlichen, die hier in Deutschland in der Szene sind und noch in dieser abgeschlossenen Welt leben, sind schwer zu erreichen. Hier hängt es davon ab, dass unsere Mitarbeiter nicht gleich in einen Bewertungsprozess reingehen. Sie nehmen die Fragestellungen der Jugendlichen ernst und versuchen dann, sie in der Diskussion dazu zu bringen, dass sie ihre eigene Haltung hinterfragen können.

Wie radikalisieren sich die Jugendlichen?

Das muss man differenzieren. Es gibt diejenigen, die auf Identitätssuche sind, und diejenigen, die gerade in einer persönlichen Krisensituation stecken. Die extremistische Szene hat einen genau fokussierten Blick auf solche Menschen und nutzt das Bedürfnis nach Identität und Geborgenheit aus. Und dann gibt es diejenigen, die nicht selten aus dem Kleinkriminellen-Milieu kommen und schon ein gewisses kriminelles Potential in sich haben, auch eine hohe Gewaltbereitschaft. Die sind anfällig für eine Ideologie, die ihnen die Rechtfertigung gibt, Gewalt auszuüben. Die Extremisten versuchen insbesondere diejenigen anzusprechen, die keine tieferen Islamkenntnisse haben. Da fällt die Instrumentalisierung der Religion leichter.

Wieso sind die Extremisten mit ihrer Propaganda erfolgreich?

Extremisten, egal ob Rechtsextremisten oder religiös begründete Extremisten, haben immer die Strategie, die Gesellschaft zu polarisieren und zu spalten. Rechtsextremisten brauchen Islamisten, damit sie das Thema Islam eskalieren lassen und so mehr Anhänger finden können. Und Islamisten brauchen die Islamfeindlichkeit in der Gesellschaft, um die Zahl ihrer Anhänger steigern zu können. Das ist dasselbe in Grün.

Also gibt die Islamkritik den Islamisten Rückenwind?

Das kann dazu führen, dass junge Menschen, für die Religion eine Bedeutung hat, sich nicht akzeptiert fühlen in dieser Gesellschaft. Das gilt zum Beispiel auch für Mädchen, die Kopftuch tragen und deshalb seltsam angesehen werden oder Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt haben. Islamisten haben es nicht mehr so leicht, wenn wir deutlich machen: Muslime sind Teil dieser Gesellschaft.

Was kann die Gesellschaft darüber hinaus tun?

Bei den Jungen und Mädchen, mit denen wir arbeiten, stellen wir immer wieder fest, dass die Radikalisierung passiert, wenn die soziale Umgebung sprachlos geworden ist. Wir müssen sensibler sein für die Probleme dieser jungen Menschen. Denn wenn wir mit ihnen nicht ins Gespräch kommen, dann tun es die Extremisten. Da kann jeder Einzelne helfen, indem er nicht direkt auf Distanz geht, wenn er erkennt, dass jemand aus dem Gleichgewicht geraten ist.

Haben Sie hierfür ein Beispiel?

Bei einem deutschen Mädchen, 17 Jahre alt, war der Vater gestorben. Das Mädchen hatte viele Fragen, auch zum Jenseits, und fand Halt bei Freunden, die in der extremistischen Szene waren. Dann hat man ihr gesagt: Du gehörst jetzt zu unserer Gemeinschaft, und Muslime werden in Deutschland nur diskriminiert. Und dann hat sie die Erfahrung gemacht, als sie sich entsprechend gekleidet hat, dass die Menschen in der Schule tatsächlich auf Distanz zu ihr gingen. Am Ende hat ein Lehrer gemerkt, dass mit dem Mädchen etwas nicht stimmte, und ein persönliches Gespräch gesucht. Schließlich hat er sich an uns gewandt, und uns ist es gelungen, das Mädchen wieder aus der Szene herauszuführen.

Ist die Schule ein Ort, an dem viel gemacht werden kann?

Wir können in der Schule präventiv tätig werden. Wir können erstens mehr Wissen über den Islam vermitteln. Zweitens können wir interreligiöse Toleranz diskutieren, so dass man sich nicht gegenseitig als Feinde betrachtet. Drittens hilft es, das Thema Identität anzugehen. Denn junge Menschen sind auf Identitätssuche und brauchen Gesprächskreise, um ihre Fragen zu diskutieren. Zudem ist es sehr wichtig, mehr über die extremistische Szene aufzuklären, wie ihre Propaganda versucht, Jugendliche zu manipulieren. Ziel muss es sein, junge Menschen so zu stärken, dass sie Extremisten informierter gegenübertreten können.


Das Gespräch führte Bettina Wolff.

Die gesamte Ausgabe können Sie digital in der F.A.Z. Kiosk App lesen.
Jetzt kostenlos herunterladen und testen:
Impressum